Ohlig

Karl-Heinz Ohlig
Zur Situation der Islamwissenschaft
Mythenrepetition statt historischer Forschung
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Wissenschaftliche Forschung im Bereich der Religionswissenschaft sollte versuchen, die Quellenlage zu einer Religion historisch-kritisch zu dokumentieren und zu analysieren. Wie, warum und in welchen Kontexten eine Religion entstanden ist und wie ihre weitere Geschichte verlaufen ist, sollte dabei herausgearbeitet werden. Das gilt auch für die Islamwissenschaft. In ihren Anfängen im 19. und frühen 20. Jahrhundert hat sie dies auch – wenn auch auf einem noch eingeschränkten Zugang zu den literarischen und historischen Quellen – auf eine großartige Weise geleistet. Getragen wurde sie von einer Reihe von Theologen und jüdischen Forschern, deren Arbeiten in der Nazizeit und im Zweiten Weltkrieg beendet wurde. Nach dem Krieg wurde die Islamwissenschaft neu aufgebaut, dieses Mal vor allem mit Hilfe von
Leuten, die zwar die arabische Sprache beherrschten, aber leider keine Kenntnis der
religiösen, historischen und sprachlichen Kontexte besaßen und denen die Arbeit mit
historisch-kritischen Methoden unbekannt war.
So stützt sich die islamwissenschaftliche Forschung bis heute weithin auf die Vorgaben der muslimischen Tradition, ohne diese selbst zu untersuchen. In ihren Büchern und Aufsätzen kann man lesen, dass der Islam auf der Arabischen Halbinsel, näherhin in Mekka und Medina entstanden ist und auf die Predigten des Propheten Mohammed zurückgeht. Der Koran soll wenige Jahrzehnte nach Mohammeds Tod unter dem dritten Kalifen Osman (Uthman) zur Ganzschrift zusammengefasst worden sein, die die Grundlage des heutevorliegenden Koran sei. Auch die neuen Koranübersetzungen gehen von diesen Voraussetzungen aus und lesen den Text ausschließlich auf der Basis der arabischen Sprache,
die zahlreichen unverständlichen Passagen – die „dunklen Stellen“ – werden weginterpretiert und im Sinne der herrschenden Tradition aufgefasst.
Dass alle diese muslimischen Traditionen erst im 9. und 10. Jahrhundert formuliert wurden, spielt keine Rolle. Deswegen gibt es auch keine Bemühung um mögliche zeitgenössische Quellen, von denen her sich ein ganz anderes Bild der Entstehung des Islam ergibt (z.B. seine Entstehung im mesopotamischen Raum, eigenständige Religion erst um das Jahr 800 usw.).
Die seit einigen Jahren betriebene Einrichtung von Lehrstühlen für islamische Religionslehre an einigen Universitäten verfestigt diese Situation. Die Lehrstuhlinhaber sind gläubige Muslime, deren Berufung und Lehre für angehende Imame oder Religionslehrer/innen von unterschiedlichen Islamverbänden kontrolliert wird. Sie halten sich naturgemäß an die Erzählungen der islamischen Tradition, um ihre Position nicht zu gefährden. So hatte z.B. der erste von ihnen, Muhammad (Sven) Kalisch an der Universität Münster, die Existenz Mohammeds in Frage gestellt, was ihn seine Berechtigung, muslimische Studierende zu unterrichten, kostete. Aber auch geringfügigere Abweichungen unterliegen kritischen Urteilen seitens der Islamverbände.
Hinzu kommt der Versuch der Kirchen, Medien und Politik, angesichts großer und
wachsender muslimischen Minoritäten in Europa ein versöhnliches Klima zu schaffen und alles zu vermeiden, was Muslime verletzen könnte. Diese Absicht ist gut, und es sollte alles dafür getan werden, Spannungen und Konflikte mit dem Islam zu vermeiden. Hieraus resultiert aber eine verbreitete Forderung nach political correctness: Zwar darf man Phänomene in den islamischen Gesellschaften kritisieren, die mit Terrorismus und Gewalt zu tun haben, auch islamistische Gruppen werden bekämpft. Aber leider soll alles vermieden werden, was religiöse Gefühle verletzen könnte, womit man auch für den Islam die Chance vergibt, sich kritisch mit der eigenen Geschichte zu befassen – diese wird vielmehr immer wieder bestätigt. Und hierbei ist vor allem die Islamwissenschaft in ihrer Wissenschaftlichkeit betroffen.
Wenn in den Medien hin und wieder zur Islamgeschichte, zu den Anfängen dieser Religion oder seiner Theologie geschrieben wird, bleiben alle wissenschaftlichen Untersuchungen
unerwähnt. Selbst große Tageszeitungen, denen man in dieser Hinsicht ein wenig mehr
zutrauen würde, repetieren nur die muslimischen Mythen, obwohl diese erst 200 bis 300 Jahre nach dem Tod des Propheten verfasst wurden. Dabei stützen sie sich auf das Material, das ihnen Islamwissenschaftler liefern, selbst wenn die Thesen offensichtlich nicht stimmen können. So wertet Christian Geyer in der FAZ vom 15.07.20 – ein kleines Beispiel – die Arbeit von Angelika Neuwirth positiv, weil sie einen neuen Gesichtspunkt in die Koranforschung eingebracht habe: Sie führt die musikalische Gestaltung der Koranlesung darauf zurück, dass
„viele Hörer im Milieu des Propheten wahrscheinlich gar nicht lesen und schreiben konnten“ (S. N3), aber ihnen die „rituellen Hymnengesänge orthodoxer Christen“ vertraut waren, die auch die Koranverkündigung geprägt hätten. Der Gedanke ist nicht falsch, wenn man – wie die Forschergruppe Inârah – die Entstehung des Koran nicht auf der Arabischen Halbinsel, sondern in Mesopotamien annimmt. Wo hätten Zuhörer Mohammed in der Ödnis Arabiens die Möglichkeit gehabt, orthodoxe Gesänge zu internalisieren?
„Forschungen“ dieser Art wurden und werden durch das hochdotierte – aber ziemlich
ineffektive –Vorhaben „Corpus Coranicum“ der Berlin-Brandenburgischen Akademie
gefördert. Und bald wird sie noch weiter „popularisiert“ werden: Der Ferdinand Schöning Verlag richtet eine Reihe ein „Beiträge zur Koranforschung“, die von Klaus von Stosch, Angelika Neuwirth und Zishan Ghaffar herausgegeben wird. Was soll man da erwarten? Leider spielen bei dieser Verdummung auch die Kirchen mit. Das löbliche Bemühen um gute Beziehungen zur islamischen Welt führt auch hier dazu, nur ja keine Probleme anzusprechen. Von der Herder Korrespondenz bis zu Tagungen der Bildungshäuser dominieren „Informationen“ zum Islam, die weit entfernt sind von ihren sonstigen Bemühungen, die christlichen Traditionen historisch-kritisch zu erarbeiten und dem Publikum zu vermitteln. Nicht so beim Islam, hier werden Märchen erzählt.
Nur ein Beispiel: die „Katholische Akademie in Bayern“ mit dem Hauptsitz in München hat jetzt schon zum dritten Mal Prof. Dr. Georg Tamer, der einen Lehrstuhl für Orientalische Philologie und Islamwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg innehat, über islamische Themen referieren lassen und die Vorträge in ihren Heften „Zur Debatte“ veröffentlicht. Ohne jede historisch-kritische Reflexion werden hier die alten Mythen widergegeben und mit einem pseudowissenschaftlichen Vokabular garniert. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung und daraus resultierende Information der Öffentlichkeit gibt es nicht. Dabei wäre diese unbedingt erforderlich, um sachgerecht mit dem Phänomen Islam umgehen zu können. Es ist fatal, dass jede historisch-kritische, d.h. auf Quellen beruhende und nachprüfbare Forschung als islamophob verleumdet wird. Historisch nachprüfbare Wahrheiten sind nicht islamophob, so wenig wie eine historisch-kritische Forschung .zum Christentum antichristlich ist

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